Potenziale der kulturellen Vielfalt

Bedeutung, Wirkungen und Handlungsrahmen zum Umgang mit kultureller Diversität in der Wirtschaftsförderung – Dargestellt am Landkreis Cham im bayerischen Grenzraum zur Tschechischen Republik

Die abnehmende Bedeutung der Staatsgrenze führt dazu, dass Unternehmen die neuen Optionen zur Gewinnung von Arbeitskräften, Geschäftspartnern und Kunden im Nachbarland nutzen und horizontale und vertikale Kooperationen im Nachbarland eingehen. Dies bietet die Chance, die grenzüberschreitenden Verflechtungen weiterzuentwickeln und bspw. in Form eines Standortmarketings als Alleinstellungsmerkmal der Region zu nutzen. Voraussetzung hierfür ist allerdings der erfolgreiche Umgang mit der kulturellen Vielfalt des Raumes. Kulturelle Diversität in Grenzregionen wird durch die durchlässige Grenze verursacht, z. B. durch Aufenthalte im Nachbarland oder grenzüberschreitende Kooperationen. In jeder Verflechtung treffen fremdkulturelle Partner aufeinander und nutzen ihre kulturelle Prägung weiter als Orientierungssystem. Dies erhöht die soziale Komplexität in Handlungen und hat somit Auswirkungen auf die regionale Wirtschaftsentwicklung.

Die vorliegende Untersuchung zeigt die Bedeutung und Wirkungen kultureller Diversität in der Wirtschaftsförderung sowie einen Handlungsrahmen zu deren Nutzung auf. Der Untersuchungsgegenstand „Bedeutung“ wird durch eine Auswertung der wissenschaftlichen Literatur analysiert. Die Wirkungsanlyse und die Erarbeitung des Handlungsrahmens erfolgt durch eine Fallstudienanalyse mit qualitativem Untersuchungsdesign.

Die Bedeutung kultureller Diversität kann durch das Zusammenhangsdreieck „Regionale Wirtschaftsentwicklung – Grenzregionen – Kulturelle Diversität“ erklärt werden. Die Schenkel dieses Zusammenhangsdreiecks veranschaulichen sehr gut, dass eine Veränderung im Dreieck alle drei Determinanten beeinflusst. Eine höhere Durchlässigkeit der Grenze verursacht in der regionalen Wirtschaftsentwicklung ein hohes Interesse, durch grenzüberschreitende Verflechtungen die eigene Position der Teilgrenzregion zu stärken. Mit der Zunahme grenzüberschreitender Verflechtungen wird abermals Einfluss auf das Zusammenhangsdreieck genommen. Folglich wird auch die soziale Komplexität durch die Erhöhung kultureller Diversität vergrößert und beeinflusst die regionale Wirtschaftsentwicklung.

Die Wirkungen wurden anhand des räumlichen Fallbeispiels des Landkreises Cham analysiert. Der Landkreis Cham gehört dem Regierungsbezirk Oberpfalz im Freistaat Bayern an und hat mit einer 71,6 km langen Grenze die längste gemeinsame Grenze zur Tschechischen Republik in Bayern. Der Landkreis konnte sich in den 1990er Jahren von einer Problemregion zu einem prosperierenden Wirtschaftsstandort entwickeln, dessen wirtschaftliches Rückgrat sehr gut miteinander vernetzte KMUs sind. Herausragende Projekte sind in diesem Zusammenhang der Aktionskreis „Arbeit und Leben“ und das „Cluster Mechatronik“. Die Wirtschaftsförderung des Landkreises kann als sehr rege eingestuft werden. Neben den klassischen Aufgaben wird die Wirtschaftsförderung im Landkreis durch ein Regionalmanagement sowie durch landkreisinterne und landkreisexterne Initiativen ergänzt. Die aktuellen Herausforderungen der Wirtschaftsförderung sind die mangelnde regionale Innovationsfähigkeit der KMUs, der bestehende und anwachsende Fachkräftemangel, die Weiterentwicklung der Fremdenverkehrsorte sowie die Abgrenzung zu den Metropolregionen Nürnberg und München. Diese Herausforderungen sind die Anlässe, welche die Zusammenarbeit mit der westböhmischen Nachbarregion fördern. So gibt es einen direkten Bezug zwischen den aktuellen Herausforderungen und der Erhöhung grenzüberschreitender Verflechtungen.

Die Akteure des Landkreises haben bereits vielfältige grenzüberschreitende Kontakte. Die wahrgenommenen kulturellen Unterschiede zu den böhmischen Nachbarn liegen in der Sprache, der Bedeutung von Freundschaft, dem Umgang mit Zeit, dem Qualitätsverständnis und dem tschechischen Improvisationsgeschick. Die Bewertung und Relevanz der Kulturunterschiede ist abhängig von den Herausforderungen der Wirtschaftsförderung. Diese kulturellen Unterschiede gepaart mit den Handlungsfeldern sorgen für eine spezifische Art der Synergieentwicklung im bayerisch-böhmischen Kontext, die das Aufbauen von interkulturellem Vertrauen als Schlüsselmoment zur Entfaltung von interkulturellen Synergien versteht. Wichtig zum Aufbau von interkulturellem Vertrauen ist die Möglichkeit einer grenzüberschreitenden Reputation. Diese kann durch den Aufbau von geeigneten Rahmenbedingungen durch die Wirtschaftsförderung unterstützt werden.

Es konnten acht Erfolgsfaktoren für den Umgang mit kultureller Diversität im Landkreis Cham ermittelt werden:

  • Kopplung grenzüberschreitender Aktivitäten an aktuelle Handlungsfelder der Wirtschaftsförderung,
  • Befürwortung grenzüberschreitender Wirtschaftsprojekte,
  • Existenz von Schlüsselakteuren,
  • Interkulturelles Vertrauen und grenzüberschreitende Reputation als Grundlage für eine erfolgreiche interkulturelle Zusammenarbeit,
  • Aus- und Aufbau von grenzüberschreitenden Netzwerken,
  • Förderung interkultureller und sprachlicher Kompetenz im Landkreis,
  • Klärung von Zuständigkeiten und
  • Netzwerk zwischen Akteuren der Oberpfalz.

Ziel ist, durch einen Handlungsrahmen einen strukturierten Umgang mit kultureller Diversität in der Wirtschaftsförderung zu erlangen, um so zielgerichtet an der Entwicklung der identifizierten Erfolgsfaktoren arbeiten zu können. Auf Grund fehlender Kenntnisse in der Regionalforschung und Wirtschaftsgeographie wird auf die Erkenntnisse des internationalen Managements zurückgegriffen. Die Modifizierung des betriebswirtschaftlichen Cultural Diversity Managements ermöglicht einen Handlungsrahmen mit fünf Bausteinen zur Integration des Umgangs mit kultureller Diversität in die Strategien der Wirtschaftsförderung.

Die Arbeit wurde 2010 online durch die Unibibliothek der TU Kaiserslautern unter folgenden Link veröffentlicht: kluedo.ub.uni-kl.de/volltexte/2010/2565/pdf/dissdrucks.pdf.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Gabi Troeger-Weiß
Dr. rer. pol. Melanie Hoffarth

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